70 Jahre Grundgesetz: Wir feiern den Demokratietag.

Diese Rede hat Herr Bollmann (Schulleiter) im Rahmen einer Feierstunde am Goethe-Gymnasium für die Schülerinnen und Schüler gehalten. Im Rahmen dieser Feierstunde wurden die Ergebnisse eines Grundgesetz-Projektes der Schulgemeinde vorgestellt.


Kassel, 24.05.2019
Liebe Schülerinnen, liebe Schüler,
liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,


das Grundgesetz ist als Magazin erhältlich - für 10 € - und dieses Magazin ist ein absoluter Verkaufsschlager. Jeder kann es am Kiosk kaufen und die Leute tun dies auch in ganz großem Umfang. Wie kann das sein? Wenn man doch weiß: Man kann das Grundgesetz umsonst bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen, man kann es kostenlos downloaden und alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland erhalten von den Schulen ein kostenloses Exemplar. Was macht dieses Magazin, also unser Grundgesetz so attraktiv?


Natürlich ist es sexy aufgemacht und reizt zum darin Herumblättern. Aber wenn unser Schulgesetz oder Sozialgesetzbuch so aufgemacht verkauft werden würde, bin ich mir sicher, dass der Herausgeber dennoch Pleite gehen würde. Also: Was macht unser Grundgesetz und damit auch dieses Magazin so attraktiv?


Natürlich liegt es an dem Jubiläum: Alle reden darüber, überall wird vom Grundgesetz berichtet und Leute schreiben sich die Finger wund. Ich persönlich denke, dass das Grundgesetz so attraktiv ist,


- weil es jederzeit aktuell ist,
- weil es euer und unser Leben besser gemacht hat und macht und
- weil es etwas ist, das Menschen und damit auch uns, den Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern hier am Goethe-Gymnasium, in unserem Leben hilft.


Wie ich darauf komme, will ich jetzt erklären.


Zunächst einmal das Setting, der Hintergrund, den ihr wahrscheinlich schon kennt.


Aus eurer Sicht vor ewigen Zeiten (gestern vor 70 Jahren, am 23. Mai 1949) trafen sich 65 alte Menschen (also Menschen, die älter als 30 Jahre sind) in einem großen, etwas heruntergekommenen Altbau (in der Pädagogischen Akademie) in einer unbedeutenden und langweiligen Stadt (Bonn). Sie hatten etwas sehr Anstrengendes hinter sich, das ihr heute „Couchsurfing“ nennen würdet. Sie wohnten nämlich nicht in Hotels, sondern bei Bonner Bürgern. Die Stadt Bonn hatte die Bürgerinnen und Bürger Bonns um Schlafplätze gebeten. Die 65 (älteren) Menschen haben sich viel gestritten, um am Ende ein Heftchen zu unterschreiben (unser Grundgesetz), von dem damals kaum ein Mensch glaubte, dass es lange von Bedeutung sein würde. Und jetzt das Besondere: Dieses Heftchen (unser Grundgesetz) gibt es immer noch und es gilt auch noch heute. Es wurde ein „Exportschlager“, da es viele Länder als Startpunkt für die Entwicklung einer eigenen Verfassung verwendet haben. Und genau heute vor 70 Jahren ist dieses Heftchen (unser Grundgesetz) in Kraft getreten: am 24. Mai 1949.


Jetzt ist es wirklich spannend zu überlegen: Gibt es eine Verbindung zwischen Kassel und dem Grundgesetz?


Kassel ist nicht der Nabel der Welt, aber Kassel hat eine deutliche Rolle bei der Entstehung des Grundgesetzes gespielt und keine geringe:


Vielleicht habt ihr schon ein bisschen recherchiert und kennt schon die Geschichte von Elisabeth. Elisabeth war ein Kasseler Mädchen, das hier geboren und aufgewachsen ist, das hier ihre Freundinnen hatte. Sie ist auf die heutige Knipping-Schule gegangen, die damals noch anders hieß, und sie hat ihren Schulabschluss in Kassel gemacht. Erstmal machte sie kein Abitur, da Mädchen das damals noch nicht durften. Sie hatte noch drei Schwestern und hat dann irgendwann Adam kennengelernt, diesen Mann dann geheiratet und Kinder mit ihm
gehabt. Die Enkelin von Elisabeth hat gerade in der HNA über ihre Oma Elisabeth berichtet. Adam war ein Mann, der sich politisch engagierte und für soziale Gerechtigkeit eintrat. Er redete seiner Frau Elisabeth zu, das Abitur nachzuholen und zu studieren. Das tat sie dann auch. Sie studierte in Marburg und Elisabeth war dann eine der ersten fünf Frauen, die an der dortigen Universität Jura studierten. Sie kam nach Kassel zurück, arbeitete hier in Kassel als Juristin und setzte sich hier bei uns im Kasseler Ortsteil Niederzwehren politisch ein. Sie übernahm eine Kanzlei und wohnte dann lange Zeit in der Goethestraße in Kassel.

 

Ihr habt den vollständigen Namen dieser Frau sehr wahrscheinlich schon einmal gehört: Elisabeth Selbert. Dr. Elisabeth Selbert. Nach ihr ist in Niederzwehren das Bürgerhaus benannt und in der Unterneustadt eine Straße. Warum dies? Warum gibt es eine Elisabeth-
Selbert-Promenade?


Nun, Dr. Elisabeth Selbert gehörte zu den 65 Menschen, die an der Entstehung unseres Grundgesetzes beteiligt waren. Sie war eine der vier Frauen, die gemeinsam mit 61 Männern alles darangesetzt haben, in Bonn eine Grundlage dafür zu legen, dass so etwas wie Nazi- Deutschland nie wieder passieren kann. Ein Aufsehen erregendes Ergebnis ist der erste Artikel unseres Grundgesetzes:


Die Würde des Menschen ist unantastbar!


Das ist etwas ganz Besonderes. Die meisten Verfassungen stellen erst einmal klar, was der Präsident macht, wen er ernennt, wie gewählt wird usw. usw. Das Grundgesetz kommt aber mit einem „Knaller“ daher, schon im ersten Satz steht ein Aufruf, der ein eindeutiges NEIN zum Nazi-Terror beinhaltet.


Die Würde des Menschen ist unantastbar!


Dass Elisabeth Selbert heute immer noch ein Thema ist, hat aber weniger mit diesem Artikeldes Grundgesetzes zu tun, als vielmehr mit einem anderen:

 

Männer und Frauen sind gleichberechtigt!


Es war unsere Kasseler Juristin, es war Elisabeth Selbert, die damals beantragt hat, diesen Satz in das Grundgesetz aufzunehmen.


Männer und Frauen sind gleichberechtigt!


Zunächst sollte dieser Satz nicht im Grundgesetz erscheinen. Man hat diesen Satz abgelehnt, man wollte ihn so nicht haben. Daraufhin wandte sich Elisabeth Selbert an die Öffentlichkeit, aktivierte Zeitungen und sorgte auf diesem Wege dafür, dass der Druck der Öffentlichkeit groß wurde, so groß, dass die Formulierung dann doch aufgenommen wurde:


Männer und Frauen sind gleichberechtigt! – Das haben wir unter anderem Elisabeth Selbert zu verdanken.


An diesem Beispiel könnt ihr auch gut nachvollziehen, wie das Grundgesetz funktioniert und wie wir das Grundgesetz am Goethe-Gymnasium merken.


Männer und Frauen sind gleichberechtigt!


Das ist eine Forderung und ein Auftrag. Damals gab es diese Gleichberechtigung noch nicht in großem Umfang. Heute hingegen haben wir in vielen Bereichen eine selbstverständliche Gleichberechtigung, die uns gar nicht mehr auffällt: Mädchen und Jungen gehen gemeinsam auf das Goethe-Gymnasium, Mädchen und Jungen machen bei uns gleichermaßen Abitur, es gibt Klassensprecherinnen und Klassensprecher, es gibt Mädchen und Jungen in unserer Schülervertretung, die Schulsprecherin des Goethe-Gymnasiums ist ein Mädchen (Gruß an Noura), es gibt eine Zweigstellenleiterin am Goethe-Gymnasium II (Gruß an Dagmar Jochheim).


Aber gleichzeitig ist auch klar, dass im Hinblick auf die Gleichberechtigung noch viel zu tun ist. Denn die Gleichberechtigung ist an vielen Stellen noch nicht angekommen. Ihr habt sicher schon einmal gehört, dass Männer und Frauen immer noch nicht in allen Berufen den gleichen Lohn bekommen. Da ist also noch etwas zu tun.

 


Und genau so funktioniert unser Grundgesetz: Es gibt eine Richtung vor, die gut ist und deren Wichtigkeit alle Menschen in Deutschland einsehen, und wir müssen uns darum kümmern, dass diese Forderungen immer besser umgesetzt werden.


Das Grundgesetz ist also nichts für Faulpelze nach dem Motto: Da steht alles drin, was wir zu tun und zu lassen haben. So bequem haben wir es leider nicht!


Das Grundgesetz hat noch eine weitere Aufgabe und damit bin ich ganz dicht bei eurem Projekt:


Wir haben Schülerinnen und Schüler aus vielen verschiedenen Ländern an unserer Schule, die insgesamt mehr als 30 Sprachen sprechen und die ganz unterschiedlichen Religionen angehören. Alle Länder haben unterschiedliche Regeln, unterschiedliche Vorstellungen davon, was richtig und was falsch ist, und glauben an unterschiedliche Dinge oder an gar nichts. Wenn man so zusammenlebt, dann stellt sich die Frage: Wie kann das funktionieren? Ohne Streit? Ohne dass eine Meinung die andere verdrängt? Ohne dass eine Anschauung mehr Wert ist als die andere?


Im Grunde ist es ganz einfach und lässt sich gerade am Beispiel der Religion gut verstehen: Die Schülerinnen und Schüler am Goethe-Gymnasium, euch alle, die ihr hier sitzt, euch verbindet nicht eine Religion: Wir sind Christen, Muslime, Juden, Nicht-Gläubige und so weiter. Aber was uns verbindet, was wir alle teilen, ist die Freiheit, unseren Glauben oder Nicht-Glauben leben zu dürfen. Diese Freiheit verdanken wir dem Grundgesetz und diese Freiheit – das müsst ihr wissen –, diese Freiheit gibt es nicht überall auf der Welt.


In dieser Freiheit leben wir hier in unserer Schule, hier am Goethe-Gymnasium und in ganz Deutschland. Damit ist das Grundgesetz unser gemeinsames Haus und zugleich ein Kompass, etwas, das euch und mir die Richtung weist.


Ich wünsche mir, dass ihr das Grundgesetz als Kompass verwendet. Ich verspreche euch, Ihr findet mit Hilfe des Grundgesetzes immer wieder den Weg zu guten Entscheidungen. Wenn ihr einmal zweifelt und überlegt, was richtig und was falsch ist, wenn ihr eine Richtung braucht, dann ist das Grundgesetz ein idealer Ratgeber.


Und jetzt bin ich sehr gespannt auf eure Projektergebnisse.


Es folgt die Präsentation der Ergebnisse


Schlusswort
Dankeschöns an: Dr. Scharvogel und das Ensemble, an Herrn Scheer, an Herrn Brandl, an Herrn Beuchel.
Ausdrücklicher und ganz besonderer Dank gebührt Frau Kluge, Frau Gerland-Wackerbarth und Frau Lempp!


Sie haben vorweggenommen, was sich unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gewünscht hat. Dass sich nämlich die Bürger mehr mit dem Grundgesetz beschäftigen. In seiner gerade veröffentlichten Rede stellt er fest: "Die Deutschen wissen zu wenig über ihr Grundgesetz". Ich denke, Sie, liebe Kolleginnen, haben gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern auf kreative und sehr eindrucksvolle Weise dazu beigetragen, dass das Grundgesetz in unser Schulleben und damit in das Leben unser Schulgemeinde Eingang gefunden hat. Und dafür danke ich Ihnen ganz herzlich.


Eine Schlussbemerkung: Im Großen gedacht können wir stolz darauf sein, dass wir in Deutschland ein solches Grundgesetz geerbt haben, in die Tat umsetzen und immer noch weiterentwickeln. Im Kleinen gedacht können wir stolz darauf sein, bin ich ganz persönlich stolz darauf, dass ihr, liebe Schülerinnen, liebe Schüler, ein solches Projekt umgesetzt und mit Leben gefüllt habt. Danke an alle Baumeister und Helfer!


Euer Schulleiter


Joachim Bollmann