Russischkurs besucht Holocaust-Überlebende

Im Juli 2014 fand ein außergewöhnliches Treffen statt: Schüler des Russischkurses der Qualifikationsphase (Q2) des Goethe-Gymnasiums trafen sich in den Räumlichkeiten des PSH Pflegedienstes in der Holländischen Straße mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Kassel und Holocaust-Überlebenden, Herrn Craizler und Herrn Beylkin.
Im Unterricht behandelten wir gerade das Thema Krieg und haben uns in diesem Zusammenhang auch mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Die direkte Begegnung mit Holocaust-Überlebenden sollte die damaligen Geschehnisse in eindrucksvoll lebendiger Weise vermitteln, was ein Lehrbuchtext niemals leisten könnte. „Zwar wusste ich schon einiges darüber aus Büchern und aus dem Geschichtsunterricht, doch es war etwas komplett anderes, es aus den Mündern der Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges zu hören“ – so schrieb die Schülerin L. Chyzhenko nach unserem Besuch ihre Eindrücke nieder. Mit dem Geschichtskurs war für die Gruppe in der Woche danach eine Fahrt zum Konzentrationslager Buchenwald vorgesehen.
Da die Gespräche mit den Zeitzeugen auf Russisch geführt wurden, wurde die Authentizität der Begegnung zusätzlich unterstrichen. Bildhaftigkeit und Wortwitz blieben erhalten, was eine Übersetzung so nicht leisten kann: ein authentisches Erlebnis von angewandter Sprache!

Schüler vor dem Gespräch
Schüler vor dem Gespräch

Um im Vorfeld für die Begegnung zu sensibilisieren, hatten uns Frau Elena Padva und Herr Alexander Katz im Unterricht besucht und mögliche auftretende Verhaltensweisen der zu Befragenden erläutert. Sie kennen beide Herren durch ihre Arbeit beim Pflegedienst, und außerdem verbindet sie eine jahrelange Freundschaft.
Nach nur wenigen Schilderungen aus dem Leben weiterer Holocaust-Überlebender durch Frau Padva und Herrn Katz war uns nur allzu deutlich: Unbedacht formulierte Worte wären hier gänzlich unangebracht. Die Begegnung würde sehr viel Fingerspitzengefühl erfordern, denn durch die Schilderung eigener traumatischer Erlebnisse könnten seelische Wunden bei den Befragten immer wieder neu aufreißen.
Entsprechend waren vor der eigentlichen Begegnung alle ziemlich nervös: „Ich hatte, um ehrlich zu sein, ein wenig Angst davor und war deshalb sehr aufgeregt, weswegen ich mich sogar versprochen habe. Doch als die Herren angefangen haben zu reden und von sich zu erzählen, ist die Anspannung allmählich verschwunden“ (Schülerin L. Chyzhenko).
 
Im Anschluss an ein gemeinsames durch die Schüler vorbereitetes Frühstück mit Kennenlern-Runde gaben die beiden Zeitzeugen ihre Lebensberichte, die von der Gruppe mit großem Interesse verfolgt wurden.
Von Herrn Mordko Craizler, geboren in der Ukraine, erfuhren wir, dass er 2 Jahre alt war, als der Krieg begann. Von 1941 bis 1944 befand er sich mit seiner Familie im Ghetto. Was dort geschah, weiß er hauptsächlich durch die Schilderungen seiner Angehörigen. Von Beruf war Herr Craizler Möbelbauer, spielt hervorragend Schach und ist Mitglied in einem Kasseler Schachverein.

Herr Mordko Craizler und Herr Michail Beylkin
Herr Mordko Craizler und Herr Michail Beylkin

Herr Michail Beylkin (*1919) – die Schüler durften ihn „Djadja Mischa“ (Onkel Mischa) nennen – befand sich als russischer Soldat von 1941 bis 1945 in deutscher Kriegsgefangenschaft, hier u.a. auch lange in Hamburg. Die ganze Zeit über musste er verheimlichen, dass er Jude, Kommunist und Offizier war. Nach dem Krieg kehrte er nach Russland zurück und arbeitete in einer Fabrik. Diese Fabrik hat ein Buch über herausragende Persönlichkeiten des Betriebes veröffentlicht, und ein Teil des Buches ist Herrn Beylkin gewidmet. Das Buch brachte er mit, um uns einen Abschnitt daraus vorzulesen.

Im Anschluss an die Lebensberichte stellte die Gruppe die im Unterricht für ein Interview vorbereiteten Fragen, z.B.: „Wie sah ein typischer Tagesablauf im Ghetto aus?“ oder: „Gab es auch schöne Erlebnisse zu Zeiten des Krieges, an die sie sich erinnern?“, aber auch andere, wie: „Zu welcher Fußballmannschaft halten sie“?

Als weiteren „Programmpunkt“ berichtete Frau Ilana Katz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel und Leiterin des Pflegedienstes, von der Veranstaltung “Steps for life“ in Riga. Diese hatte in der Woche zuvor dort stattgefunden, und sie hatte persönlich daran teilgenommen (vgl. die folgende Internet-Adresse: https://www.youtube.com/watch?v=TJJHRAQr88w). Sie zeigte uns Bilder davon, die das Ereignis verdeutlichen halfen. Die Bewegung “Steps for life“ greift die Idee der Bewegung „Marsch des Lebens“ auf, welche die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden begonnenen „Todesmärsche“ als letztem Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords brandmarkt. Die damals verübten Massenerschießungen waren für die Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos grauenvoller Schluss- und Höhepunkt:

Frau Padva und Herr Craizler
Frau Padva und Herr Craizler

"Ab 1944 wurden aufgrund der herannahenden Front die ersten Lager aufgelöst, ab Januar 1945 als erstes das Lager Auschwitz geräumt. Beinahe 760.000 entkräftete Menschen mussten die Todesmärsche antreten. Keiner von ihnen, so ein Befehl Himmlers, sollte lebend in die Hände des Feindes fallen. Mehr als 250.000 von ihnen starben auf deutschen Straßen. Mit den Todesmärschen gingen die Konzentrationslager ganz unmittelbar an den Wohnzimmern der Bevölkerung vorbei.“
(Jobst Bittner, Initiator Marsch des Lebens:  www.marschdeslebens.org/uploads/.../MDL_Magazin_02_April_2014.p...)
 
Gedenk- und Versöhnungsmärsche an Orten des Holocaust sollen praktiziert werden als Zeichen gegen alten und neuen Antisemitismus, gegen das Vergessen, zur Versöhnung zwischen Nachkommen der Opfer- und Tätergeneration. Es gilt, die Vergangenheit aufzuarbeiten und Zeichen zu setzen. An die Stelle von Tod und Zerstörung sollen Leben und Hoffnung treten.

Trotz der Schwere der Thematik herrschte die ganze Zeit über eine gelöste Atmosphäre, und „man hatte das Gefühl, dass man sich schon länger kennt“ (Schülerin K. Firsova). Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser besonderen Stimmung hatten musikalische Liedbeiträge. Besonders eindrucksvoll waren die jiddischen Lieder aus dem Ghetto, gesungen von Frau Padva (vgl. die folgende Internet-Adresse: https://www.youtube.com/watch?v=TJJHRAQr88w), in die Herr Craizler schließlich mit einstimmte. Elena Padva, die das Jüdische Museum leiten wird, das im Herbst in Kassel eröffnet werden soll, sprach bereits bei ihrem Besuch im Unterricht davon, dass man, im Ghetto aller seiner persönlichen Freiheiten beraubt, die Musik als Waffe einsetze, als Ventil für die eigenen Emotionen.

Schülerinnen im Gespräch
Schülerinnen im Gespräch

Im Verlauf der Veranstaltung übte ich mit den Schülern das Lied „Schalom aleichem“ („Friede sei euch“) ein, das nach jüdischer Tradition zum Shabbat gesungen wird.
   
Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen, Religionen und Generationen – der Älteste 96, die Jüngsten 17 Jahre alt – war ein nachhaltig prägendes Erlebnis, wohl für alle Beteiligten. „Einige Sachen haben mich sogar so sehr schockiert bzw. erstaunt, dass ich Gänsehaut bekommen habe“ (Schülerin L. Chyzhenko). Von „aufregend“, „spannend“, „beeindruckend“ bis „ergreifend“ lauteten die abschließenden Kommentare der Schüler. „Dieses schreckliche Ereignis kann man nicht vergessen, und man sollte definitiv so etwas verhindern in der Zukunft, und das hat das Treffen noch einmal verdeutlicht“ (Schüler A. Brushkivskyy). Nur allzu verständlich, dass ein Weinen nicht immer unterdrückt werden konnte.

 „Was mich auch sehr fasziniert hat, ist, dass die beiden Männer reinsten Gewissens in Deutschland leben können, ohne jegliche negative Gedanken zu haben. Das bewundere ich wirklich sehr“ (Schülerin L. Chyzhenko). Tatsächlich ohne jegliche negative Gedanken? Frei von Angst? Die jüngsten weltweiten Entwicklungen zeigen leider etwas anderes. Interessant wäre es, die Reaktionen der beiden Holocaust-Überlebenden darauf zu erfahren. Beide Herren fieberten für die deutsche Fußballmannschaft mit und fühlen sich in Deutschland sehr wohl. – Oder muss man wenige Wochen später sagen: Bis zu diesen Ereignissen – zunehmende Hetze gegen Juden und antisemitische Ausschreitungen im Zusammenhang mit Demonstrationen – fühlten sie sich sehr wohl? –

Die Festtafel
Die Festtafel

Die aktuelle weltpolitische Lage, z.B. der Konflikt in der Ukraine sowie die Kämpfe zwischen Israel und radikalen Palästinensern, zeigt, wie überhöhte, starre Ideologien dazu führen, dass man sich gegenseitig nach dem Leben trachtet. Die Auswirkungen dieser Entwicklung bekommen wir auch in unserem Land zu spüren, auch hier in Kassel. Der Dialog zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen wäre besonders wichtig: Es gilt, das Verbindende zu suchen, damit das Trennende nicht immer wieder zu Vorurteilen, Hass und unsinniger Vernichtung menschlichen Lebens führt. –

Die Schülerinnen und Schüler des Russischkurses von Frau Wolf wollen in Zukunft noch bewusster Wertschätzung und Respekt denjenigen gegenüber zum Ausdruck bringen, die so unsagbar Schreckliches miterleben und oft auch selbst erleiden mussten. „Ich begegne diesen Leuten mit großem Respekt, weil sie Vertreter einer Generation sind, die den Holocaust überlebt hat und die es schon bald nicht mehr geben wird“ (Schüler A. Morozov).

Als Zeugen der Erlebnisberichte möchten wir alle das Gehörte Freunden und Verwandten weitergeben und dadurch helfen, die Erinnerung an die Geschichte zu erhalten.

Abschließend möchte ich mich bei meinen Kursteilnehmern für ihre Aufgeschlossenheit gegenüber der Thematik und für ihre Feinfühligkeit im Umgang mit den älteren Herren bedanken. Damit hat jeder Einzelne seinen ganz persönlichen Beitrag zum Gelingen dieses Unternehmens geleistet.

Rahel Wolf, August 2014